Blog: Darf ich das? – 4 Gründe, warum es uns schwerfällt, unsere Wünsche klar zu formulieren

von Christine Warcup (Kommentare: 0)


Kennst du das? Du möchtest etwas – oder du möchtest etwas nicht – und es gelingt dir nicht, deinen Wunsch klar zu formulieren, obwohl dir dein Anliegen sehr wichtig ist.

Du machst Andeutungen, du wiederholst die Andeutungen in etwas anderer Form – und du hoffst, dass der andere deine vagen Andeutungen versteht.

Und dann bist du enttäuscht, weil du meinst: Wenn der andere dich „wirklich“ lieben würde, wenn du ihm „wirklich“ wichtig wärest, dann würde er dich verstehen, ja, er würde deine Wünsche erraten, und nichts wäre ihm wichtiger als deine Wünsche zu erfüllen …

Dumm gelaufen … denn der andere ist kein Hellseher. Er kann deine Wünsche nicht riechen, weil er anders denkt und fühlt als du. Er muss sie von dir erfahren, sonst weiß er nicht, welche Wünsche du hast.

Warum fällt es uns so schwer, Wünsche klar zu formulieren?

Ja, warum fällt es uns so schwer zu sagen: „Ich möchte dies oder das“ oder „Ich möchte das nicht“. Oder: „Bitte tu dies oder das für mich“ oder „Bitte mach das nicht“?

1. Wir hatten keine Vorbilder.

Wir hatten niemanden, der uns vorgelebt hat, seine Wünsche und Bedürfnisse selbstverständlich wahrzunehmen, ernst zu nehmen und sich die Erfüllung der Bedürfnisse und Wünsche auch zuzugestehen. So haben wir ein solches Verhalten nicht durch Nachahmung lernen können. Wir hatten niemanden, an dem wir uns in Bezug auf unsere Wünsche hätten orientieren können.
Und so haben wir nicht gelernt, Wünsche und Bedürfnisse klar zu formulieren.

2. Kindern wurde lange kein eigener Wille zugestanden

Unsere Großeltern und z.T. auch unsere Eltern haben in einer Zeit gelebt, in der Kindern keine eigene Meinung zugestanden wurde. Und so hatten Kinder auch keine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu haben. Es hielt sich sogar bis in die 70iger Jahre in der Kindererziehung die Haltung aus der Vorkriegszeit, dass man den Willen der Kinder zu brechen hatte, dass nur die Erwachsenen das Sagen hatten.

3. Unsere Vorfahren durften keine eigenen Bedürfnisse und Wünsche äußern

Da unsere Eltern und Großeltern selbst keine Bedürfnisse und Wünsche äußern durften, ja oft nicht einmal haben durften, wäre es für sie eine riesengroße Herausforderung oder gar eine Überforderung gewesen, wenn wir unsere Bedürfnisse geäußert hätten. Sie hätten es als unverschämte Zumutung empfunden.

4. Angst vor Konsequenzen

Und da wir diese Überforderung gespürt haben, haben wir es gar nicht gewagt, zu sagen, was wir wollten. Und wenn wir es getan haben, haben wir die Überforderung der Eltern oder Großeltern zu spüren bekommen – entweder als klare Zurechtweisung oder gar als klare Strafe wie zum Beispiel Liebesentzug mit einer mehr oder weniger klaren Verurteilung.

So haben wir gelernt, dass es bedrohlich ist, eigene Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Deshalb empfinden wir es als unverschämt oder gar „verboten“, uns klar zu äußern.
Und so haben wir im wahrsten Sinn des Wortes keine „Sprache“ gelernt, um Bedürfnisse und Wünsche klar zu formulieren.

Wie können wir uns „umprogrammieren“?

1. Verständnis und Mitgefühl

Zunächst einmal braucht es unser Verständnis und unser Mitgefühl dafür, dass es uns so schwerfällt, Wünsche klar zu äußern. Es braucht unsere liebevolle Zuwendung für unsere ängstlichen, verunsicherten Anteile.

2. Erlaubnis

Und es braucht unsere Erlaubnis für unsere Bedürfnisse und Wünsche. Bedürfnisse gehören zu unserem Menschsein dazu und unsere Wünsche sind legitim. Nichts ist daran falsch, Wünsche zu haben – wir können nur nicht davon ausgehen, dass sie immer erfüllt werden, denn der andere hat das Recht, „Nein“ zu sagen und auf seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu achten.

3. Übung

Und letztlich geht es darum, ganz einfach zu üben, Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen, sich die Zeit zu nehmen, um spüren: Was möchte ich jetzt? Was möchte ich nicht? Wo möchte ich Hilfe und Unterstützung? Ist das wirklich mein Wunsch oder mein Bedürfnis oder habe ich das unbewusst übernommen und es entspricht mir gar nicht?
Und dann dürfen wir üben, unsere Wünsche klar zu formulieren – auch wenn uns das aufgrund unserer Erfahrungen vielleicht zunächst Angst macht. Wir dürfen üben, klare Bitten zu formulieren, statt vage Andeutungen zu machen.

4. Geduld und Nachsicht

Wir können nicht erwarten, das gleich zu beherrschen. Wenn wir üben, machen wir „Fehler“, weil uns eben die Erfahrung und die Übung „fehlen“. Doch Übung macht den Meister. ;-)
Und wenn wir mit uns geduldig und nachsichtig sind, wenn es uns nicht gleich zu unserer Zufriedenheit gelingt, uns klar zu äußern, kann unsere Angst vor Sanktionen langsam schwinden. Und dann wird es immer leichter.

Neue Erfahrungen

Dann können wir irgendwann die wunderbare Erfahrung machen, dass unsere Wünsche einfach akzeptiert werden, nämlich dann, wenn wir sie uns selbstverständlich zugestehen …

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