Blog: Ja, was erlaubst du dir?

von Christine Warcup (Kommentare: 0)


Ja, was erlaubst du dir? Erlaubst du dir, gut für dich zu sorgen?
Erlaubst du dir, mitfühlend mit dir selbst zu sein?
Erlaubst du dir, nein zu sagen, wenn etwas nicht für dich stimmt?
Erlaubst du dir, zu fühlen, was dir wirklich entspricht? Und danach zu handeln?

Was lösen diese Fragen in dir aus?

Was lösen diese Fragen in dir aus?

Kommt da ein ungutes Gefühl in dir hoch, weil du weißt, dass du dir noch viel mehr erlauben könntest, vielleicht sogar solltest? Oder weil es sich „verboten“ anfühlt, dir etwas zu erlauben?

Meine Fragen sind nicht wertend gemeint. Sie sind eher als kleine „Anstupser“ gemeint, einmal liebevoll zu schauen, was du dir noch erlauben könntest – erst einmal rein theoretisch:

Was wäre,

  • wenn ich mir erlauben würde, einmal zu sagen, dass mir etwas wehttut, z.B. das unfreundliche Verhalten von X, die abwertenden Worte von Y, …
  • wenn ich mir erlauben würde, einmal zu fühlen, was da in mir passiert, wenn sich X oder Y so oder so verhalten?
  • wenn ich mir erlauben würde, zu benennen, was mich stört oder was mir wehtut – wie würde ich es tun? Würde ich es auch so unfreundlich oder abwertend tun wie X oder Y (damit die mal merken, wie das ist …)?

Welche Strategien haben wir gelernt?

Die meisten von uns haben wenig (bis gar keine) Strategien gelernt, gut für sich zu sorgen, da wir durch Nachahmung lernen. Und nur wenige von uns hatten – vor allem in den Nachkriegsjahren – Eltern, die mit sich selbst liebevoll waren, die sich erlaubt haben, gut für sich zu sorgen, ganz selbstverständlich, sich ihres eigenen Wertes bewusst.

Doch wir sind lernfähig, jederzeit. Wir können heute auch noch lernen, liebevoller mit uns selbst umzugehen – und als Resonanz ein liebevolleres Verhalten anderer uns gegenüber zu erfahren.

Wie können wir beginnen, etwas zu verändern?

Nun, zunächst einmal dürfen wir uns darüber bewusst werden, was uns immer wieder stört, weshalb wir leiden, worüber wir uns aufregen, wo wir wütend werden. Die Bewusstheit ist der erste Schritt.

Dann geht es darum, nicht immer wieder über den anderen und sein Verhalten nachzudenken, sondern uns selbst mit unserer ganzen Aufmerksamkeit zu beschenken.

Ich weiß, das ist nicht leicht. Das ist vor allem dann nicht leicht, wenn wir uns machtlos fühlen. Und das ist immer dann der Fall, wenn wir keine Verhaltensweisen gelernt haben, mit so einer Situation umzugehen. Vielleicht waren in unserer Kindheit keine „Widerworte“ erlaubt, vielleicht wurden wir einfach nicht gehört und mussten uns anpassen. Es gibt unzählige Gründe.

Doch wenn wir beginnen, zu fühlen, was X oder Y in uns auslösen, gibt uns das die Chance, Anteile in uns wahrzunehmen, die noch niemals Aufmerksamkeit erhalten haben – zumindest keine liebevolle Aufmerksamkeit.

Wir können ihnen erlauben, sich zu zeigen, mit all den Gefühlen, die ihnen innewohnen. Und manche Anteile in uns brauchen sehr viel Zeit, sich zu zeigen, vor allem, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie völlig unerwünscht waren.

Oft sind das Anteile unserer Kraft, unserer Begabungen und Talente, die anderen „zu viel“ waren, weil sie ihre eigene Kraft nicht leben durften.

Das Maß an Wut, das du spürst, zeigt, wie viel Schutz du gebraucht hättest …

Wenn dich etwas oder jemand so stört, dass du dich immer wieder darüber aufregst oder richtig wütend wirst, auch wenn du nur darüber nachdenkst, kannst du davon ausgehen, dass es in dir Anteile gibt, die immer noch sehr empört oder wütend darüber sind, keinen Schutz erhalten zu haben – entweder in deiner Kindheit oder/und auch später in deinem Erwachsenenleben.

Doch dahinter versteckt sich der Schmerz darüber, mit all der Angst und Hilflosigkeit des Kindes allein gelassen worden zu sein, ohne Schutz, ohne Beistand von Erwachsenen, die doch die Kraft und das Wissen hätten haben müssen, die es gebraucht hätte.

Du bist keine „böses“ Kind, wenn du Wut verspürst, du bist ein verletztes Kind, wenn du Wut verspürst …

Oft wird Wut in unserer Gesellschaft abgewertet, und so gilt Wut als „schlecht“. Doch wenn wir uns einmal die ursprüngliche Bedeutung des Wortes anschauen, dann sehen wir, dass darin eine wichtige Kraft steckt:
Aggression kommt vom lateinischen „aggredi“, auf etwas zugehen, etwas in Angriff nehmen, an-greifen. Das heißt, es beschreibt die Kraft, die es braucht, um neue Schritte zu gehen, Ideen umzusetzen, etwas zu verändern.
Und das ist eine lebensnotwendige Kraft, die es uns ermöglicht, ungünstige oder unpassende Situationen zu verändern.

Wenn diese Kraft allerdings lange unterdrückt werden musste, kann sie sich explosionsartig zeigen.
Wenn wir uns jedoch erlauben, gut für uns zu sorgen, kann sie uns helfen, neue Wege zu gehen.

Neue Wege der Erlaubnis

Ein wichtiger Schritt ist die Erkenntnis, dass hinter der Wut die Verletzung und damit der Schmerz liegt. Und der nächste Schritt besteht darin, sich den verletzten Anteilen immer wieder liebevoll zuzuwenden.
Je mehr wir das tun, desto mehr gewinnen wir die Kraft zurück, gut für uns zu sorgen, weil unsere kraftvollen Anteile so wieder in ihre Kraft kommen können.

Und dann müssen wir es X oder Y nicht mehr heimzahlen, was sie uns angetan haben, sondern wir können immer ruhiger, freier und selbstverständlicher zu uns und unseren Bedürfnissen stehen und uns immer mehr erlauben.

Letztlich geht es darum, uns zu erlauben, ganz wir selbst zu sein, mit unserer ganzen Kraft und Stärke. Und das gibt uns wiederum die Möglichkeit, uns an der Kraft und Stärke anderer zu erfreuen.

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